Roman Pachernegg und Jasmin Wagner

Dokumentationen im Marketing: Im Gespräch mit Filmemacher Roman Pachernegg

26. Februar 2016

Roman Pachernegg produziert Dokumentationen aus Leidenschaft. Und genau diese Leidenschaft braucht effektives Marketing – egal, ob es sich dabei um Imagefilm oder Unternehmensporträt handelt. Wir haben uns mit dem Grazer Filmproduzenten über die Wirksamkeit, Reichweite und Methoden von Dokumentarfilmen im Marketing unterhalten.

Aufpolierte Unternehmens- und Imagefilme, die die Firma und ihre Mitarbeiter von deren Schokoladenseite zeigen, gehören mittlerweile zum Standard. Dabei kann sich zu viel Inszenierung eher negativ auf die Glaubwürdigkeit auswirken. Die Identifikation mit dem Unternehmen und der Aufbau von Vertrauen bleiben dabei auf der Strecke. Dokumentationen hingegen zeigen das Leben in all seinen Facetten – realitätsnah und ungekünstelt. Und genau diese Authentizität kann im Marketing zur glaubwürdigen Vermittlung von Werbebotschaften genutzt werden. Einer der etwas von der emotionalen Wirkung von Dokumentarfilmen versteht, ist der erfolgreiche Filmemacher Roman Pachernegg. Wir haben mit ihm über Dokumentationen im Marketing gesprochen.

Roman Pachernegg und Jasmin Wagner

Roman Pachernegg hat bereits mehrere erfolgreiche Dokumentarfilme produziert – u.a. auch zusammen mit seiner Lebensgefährtin Jasmine Wagner.

Das ist Roman Pachernegg:
„Ich bin ein Mensch, der um stetigen inneren Wandel bemüht ist, das heißt ich versuche, mich immer mehr von festgefahrenen Strukturen und Zuschreibungen zu lösen, um mich sozusagen jeden Tag neu erleben zu dürfen. Dabei finde ich mich als Vater einer kleinen Tochter, als freischaffender Filmemacher, als Mensch der in einer Beziehung lebt und vielen weiteren vielfältigen Rollen wieder, ohne dabei das Gefühl zu haben, diese Rollen spielen zu müssen. Ich versuche, in jeder Situation gleich authentisch zu sein und will das Leben und die mir geschenkte Zeit als Ganzes erfahren. Diese gefühlte Einheit von Innen und Außen herzustellen, ist ein wesentlicher Aspekt meiner Existenz.“


Was unterscheidet eine Dokumentation von einem Unternehmensfilm?

„Das Wesen der Dokumentation ist das Unplanbare und Unvorhersehbare. Als Filmemacher geht man mit einem bestimmten Thema an die Arbeit, aber wie sich dieses Thema dann gestaltet, hängt im Wesentlichen davon ab, was am Weg passiert. Somit entsteht der Film beziehungsweise die Dokumentation sozusagen im Gehen. Spontan auf Ereignisse reagieren zu können und somit außergewöhnliche Stimmungen zu kreieren, ist die größte Kunst eines Dokumentarfilmers.

Der Unternehmensfilm ist in der Regel völlig anders gelagert, weil er immer ein ganz klares Ziel vor Augen hat. Er stellt ein Produkt und seinen Zweck in den Vordergrund und will am Ende eine ganz bestimmte Aussage vermitteln, die schon im Vorfeld klar definiert wird. Demnach ist hier meist wenig Platz für jene Spontanität und künstlerische Freiheit, die für Dokumentationen so wesentlich sind. Spiegelt die Dokumentation im besten Fall das authentische, unbeschönigte Leben in all seinen Facetten wider, so ist der Unternehmensfilm meist nur um die Glanzstellen bemüht. Er lässt wenig Raum für Reflexion und wirkliche emotionale Berührbarkeit. Das ist schade, weil dadurch viel Erkenntnispotential verloren geht.“

Wie können Unternehmen Dokumentationen für Marketingzwecke einsetzen?

„Das ist eine spannende Frage. In erster Linie liegt das an den Unternehmen selbst. Denn eine Dokumentation braucht ein bewegendes Thema, damit sie breitenwirksam ist. Wenn ein Unternehmen ganzheitlich ausgerichtet ist, auf die Eigenverantwortung der Mitarbeiter setzt und einen wirklich sinnvollen Zweck verfolgt, dann ist es möglich, eine spannende Dokumentation zu machen, die auch viele andere Menschen inspirieren und ermutigen kann. Der Marketing-Effekt kommt dann sozusagen über die Hintertür, weil sich die Menschen von sich aus mit dem Unternehmen auseinandersetzen werden – und diese Form der Identifikation ist natürlich wesentlich höher als der Effekt eines klassischen Unternehmensfilms. Als Beispiel fällt mir Ricardo Semler ein, der mit seinem Unternehmen SEMCO eine so spannende Strategie fährt, dass man hier genug Stoff für eine Dokumentation vorfindet.

Im Endeffekt geht es immer um Geschichten, die das Leben schreibt. Wenn wir in Unternehmen das Leben in seiner Vielfalt ausklammern und nur auf Profit setzen, dann gibt das keine Geschichte her, sondern ist aus dokumentarischer Sicht nur langweilig. Erlauben wir dem Leben jedoch, mit allem, was dazugehört, in die Unternehmen einzuziehen, so hätten wir als Filmemacher tatsächlich ein komplett neues, spannendes Feld zu bearbeiten. Wer mutig genug ist und mal etwas anderes als die klassische Unternehmensberatung ausprobieren will, kann aber in jedem Fall ein Dokumentarfilm-Team engagieren und wird erstaunt sein, wieviel an Struktur und Innenleben plötzlich sichtbar wird. Das wäre dann sozusagen eine Unternehmens-Psychotherapie, die die Schattenseiten aufdeckt, sie transformiert und in einem neuen Sinnzusammenhang mündet.“

Wie lange arbeitest du im Schnitt an einer Dokumentation?

„An meinen beiden 90-minütigen Kinodokumentationen DAS GLÜCK DER ANDEREN und UNENDLICH JETZT habe ich jeweils circa zwei Jahre gearbeitet. Wie lange so eine Arbeit dauert, hängt aber von sehr vielen Faktoren ab. Die Finanzierung spielt dabei natürlich eine große Rolle. Bis dato habe ich meine Projekte größtenteils selber vorfinanziert, was den gesamten Prozess verlangsamt, aber den Vorteil hat, dass das Ergebnis zu 100% authentisch ist und ich in einem Tempo arbeiten kann, das mir angemessen ist.

Qualitativ wirkt sich das positiv auf alle Aspekte aus. Die Arbeit selbst ist schon im Moment sinnerfüllend und wird immer weniger durch Stress und Erwartungsdruck verunreinigt. Und das Resultat, in dem Fall der Film, ist aufgeladen von jener liebevollen und hingebungsvollen Energie, mit der ich selbst am Werk war – und das spürt wiederum das Publikum. Die Zeit spielt für mich also insofern eine tragende Rolle, da sie mein exaktester innerer Rhythmusgeber ist und mich immer wieder genau an den Punkt führt, wo wirkliches kreatives und produktives Arbeiten möglich ist.“

Ein authentischer Dokumentarfilm braucht seine Zeit - so wie Pacherneggs neuester Film "Unendlich jetzt".

Ein authentischer Dokumentarfilm braucht seine Zeit – so wie Pacherneggs neuester Film “Unendlich jetzt“, der unseren Umgang mit der Zeit kritisch hinterfragt.

Wer gibt die Dokumentationen in Auftrag?

„Wie bereits erwähnt, erteile ich mir die Aufträge zu den Dokumentationen meist selbst, es ist sozusagen ein innerer Auftrag, der mich antreibt. Andererseits arbeite ich aber auch in Auftragssituationen, schaue mir hier aber die Themen im Vorfeld sehr genau an, weil es mir wichtig ist, dass ich einen Auftrag auch mit Herzblut ausführen kann, so dass ich mein ganzes Potential, frei von inneren Gewissenskonflikten, einbringen kann. Rein für Geld mache ich schon lange keine Aufträge mehr und das hat nicht nur meine Gesundheit verbessert, sondern mein ganzes Existenzgefühl verwandelt. Ich fühle mich freier und habe Zeit für das, was mir wirklich am Herzen liegt – zum Beispiel die gemeinsame Zeit mit meiner Tochter. Mahatma Ghandi hat gesagt, sei Du die Veränderung die du in der Welt sehen willst – dem versuche ich mich immer mehr anzunähern.“

Wir bedanken uns recht herzlich bei Roman für das interessante und informative Interview!
Bilder: © Roman Pachernegg/unendlichjetzt.at


Marketing im digitalen Zeitalter – eine echte Herausforderung. Neue Kommunikationswege haben die Erwartungen und Bedürfnisse von Zielgruppen grundlegend verändert. Gefragt sind kreative Ideen und Innovationen. Und genau diese rasanten Entwicklungen machen die bunte Marketingwelt für mich zu einem der spannendsten Gebiete überhaupt.

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